Schon wieder: Schnulzenalarm bei der "Abendzeitung"

Gestern "geißelte" der "AZ"-Chefredakteur Arno Makowsky in der Redaktionskonferenz noch den "Schnulzenjournalismus" in der eigenen Zeitung, was erfreulicherweise im Twitter-Angebot des Blattes zu lesen war (siehe auch "Twitter: Wider den redaktionellen Ernst ...") . Konkret ging es um den Anreißer: "Veronica Ferres: Glückliches Lächeln und ein Herz aus Gold". "AZ"-Sportreporter Oliver Griss hat vermutlich nix von dieser Kritik mitbekommen.

Heute hat er im Sportteil einen rührenden Artikel mit der Überschrift "Verliebt in München" in der Zeitung, welcher Postillen wie dem "Goldenen Blatt" zur Ehre gereichen würde. Es geht darin um den Anfang Februar von Borussia Dortmund zum TSV 1860 gewechselten Spieler Antonio Rukavina. Es ist wirklich erbärmlich, was da mit rund 2.500 Zeichen runtergeschrieben wurde: Piep, piep, wir haben uns alle lieb ("lieb" findet sich sechs mal in diesem Text). Und München ist ja sooo toll. Handfeste Informationen über den Menschen Rukavina gibt es darin kaum. Es ist ja kein Porträt, sondern nur ein Rührstück (online seit gestern Nachmittag).

Ja, und? Das tut doch keinem weh, oder? Doch dem Leser, der dafür bezahlt. Wie oft habe ich schon solche Stücke lesen müssen, über Weißwurst essende ausländische Fußballer, die München eben ganz toll finden. Ja mei, es ist nun mal so, er hat tatsächlich Weißwürste gegessen. Es sind immer die gleichen Textbausteine. Natürlich darf es auch mal menscheln, darf es mal leichtere Kost geben, aber dann doch bittschön a bisserl gehaltvoller und informativer. Obendrein könnte man sich als Leser der gedruckten Zeitung noch über das raumfüllende Sofabild von Rukavina und seiner Freundin mokieren.

Bei der "Bild" gibt es heute das gleiche Thema als "Liebeserklärung an München". Nur dass die beiden Redakteure offenbar besser recherchiert haben, sie schreiben nämlich davon, dass Rukavina schon einen Mietvertrag in München unterschrieben habe, während er laut "AZ" noch auf der Suche sei. Oh mei!

Anmerkung: Ich bin Löwenfan seit gut 30 Jahren und lese die "AZ" (als Zweitblatt) fast täglich seit 20 Jahren. Beides erfordert mitunter eine hohe Leidensfähigkeit ...

Nachtrag

Auch über die zum Teil gestammelten Knast-Tipps für Uschi Glas' Sohn Ben Tewaag des "AZ"-Kolumnisten Michael Graeter in der heutigen Ausgabe könnte man diskutieren (Auszug: "Dagegen sollte man tunlichst vermeiden, sich mit irgendwelchen Cliquen anzufreunden – dies könnte im schlimmsten Fall zu gefangeneninternen Maßnahmen führen. Stichwort, im Duschraum: Bück Dich nach der Seife."). Handwerklich zu monieren ist hier, dass nicht explizit darauf hingewiesen wird, wie lange und warum Graeter im Gefängnis war (da hätte man doch nur im Archiv der eigenen Zeitung nachschauen müssen). Das wäre auch ein Dienst am Leser gewesen, selbstverständlich ohne das Graeter sein Gesicht dabei verliert.

Gerne bezeichnen die "AZ"-Redakteure ihre neuen, im Herbst 2008 bezogenen Redaktionsräume als Raumschiff, etwas mehr Bodenkontakt (etwa in Form von Sorgfalt) wäre in Zeiten der Medienkrise (neuestes Opfer "Vanity Fair") wohl angebracht, oder?

Nachtrag 19.02.09
Oh mei: Die "Abendzeitung" will offenbar seit gestern nicht mehr meinem Twitter-Feed folgen - ziemlich albern.
borussia (Gast) - 2009/02/18 16:49

Weisswurst?

Na, in der Bundesliga ist solche Koste nicht erlaubt. Aber immerhin: Bei unserer stolzen Borussia hat Rukavina nur auf der Bank gesessen - in München hat er ein Sofa.

Stefan (Gast) - 2009/02/19 08:43

Hm

Find eher Ihren "Privatkrieg" gegen die AZ ziemlich albern...

Netzjournalist - 2009/02/19 09:07

Ach, Stefan (wer auch immer), als gebeutelter Leser darf man wohl mal Kritik äußern, einen "Privatkrieg" sehe ich darin nicht. Ich setze mich eher konstruktiv mit dieser Zeitung auseinander, über das Beispiel zum "Schnulzenjournalismus" könnte man streiten, da spielt Geschmack und wohl auch mein Fandasein eine Rolle; das Graeter-Beispiel ist hingegen ernst zu nehmen. Wie gesagt, ich lese seit rund 20 Jahren regelmäßig diese Zeitung und so langsam zweifele ich daran, ob sie den zahlenden Lesern noch genügend Anreize für den Kauf bietet. Darüber kann man sich in der ein oder anderen Form auseinandersetzen.
AZ (Gast) - 2009/02/19 12:18

Handwerk

1. Wie lange und warum Graeter einsaß, steht sehr wohl in der Geschichte
http://www.abendzeitung.de/leute/87459
Bitte aufmerksamer lesen

2. Es war nicht die "Abendzeitung", die Ihnen nicht mehr folgt. Wir entfollowen niemand. Es war @TSV1860_AZ - weil wir nicht jeden Twitterer in allen drei Accounts brauchen. Da der TSV 1860 aber ja zu Ihren Hobbies gehört, #steinzeittomtom, folgen wir Ihnen da auch gerne wieder, auch wenn der Löwen-Fan mit Ihren restlichen Themen wohl weniger anfangen kann

Thomas Mrazek (Gast) - 2009/02/19 20:34

Zu 1. Hm, das wurde doch nachträglich eingefügt, oder? In der gedruckten Ausgabe (die wohl leider schon entsorgt ist, das kann ich erst morgen nachschauen), stand es m. E. auch nicht. Aber alles erst mal ohne (Schiess-)Gewähr.
Zu 2. Da bin ja beruhigt, da lieft, läuft wohl auch bei Twitter was durcheinander, denn DAS Logo war noch da; je nun und dieses Logo habe ich natürlich nicht bestellt, aber das werde ich auch noch verkraften.

Je nun, es gibt leider schlimmere Probleme auf der Welt, auch für mich. In diesem Sinne frohes Schaffen allenthalben.
Helga (Gast) - 2009/02/20 10:44

München ist eine Diva

der man regelmäßig huldigen muss.

Außerdem müssen wir uns selbst immer wieder bestätigen, in der schönsten und tollsten Stadt zu leben;-) Ob im Sportteil, Lokalteil oder auf Blogs...

Netzjournalist - 2009/02/20 10:55

Sehr schön gesagt! Und für diese Stadt und deren Errungenschaften muss man auch kämpfen, so wie es einst die "AZ" in heldenhafter Weise tat ... (-; Von so Oberschmarrn wie der "Biergartenrevolution" mal ganz zu schweigen.

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