Kollaborativer Kokolores bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"

FAS-Titelseite 28.01.07"Der Leser schreibt mit", hieß es vor zwei Wochen zum ersten Mal bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Anstatt einen Artikel nur zu drucken, haben wir ihn erst einmal ins Internet gestellt. Wir wollten wissen, ob die Leser dort vielleicht mehr wissen als wir", schrieb "FAS"-Redakteur Jörg Albrecht (siehe hierzu auch "Partizipativer Journalismus bei der FAS" im Blog Journalismus 2.0).

Sonst nur schnöder Beobachter oder Kritiker solcher journalistischen Experimente, machte ich am Freitag mal selbst mit. In einem bei FAZ.NET veröffentlichten Artikel wurden die Leser wieder zum Mitschreiben aufgefordert. Nachdem ich das etwas umständliche Anmeldeprozedere hinter mich gebracht hatte, schickte ich meinen Kommentar ab. Nach offensichtlichem Sichten meines Beitrags durch die Redaktion wurde dieser nach ein, zwei Stunden freigeschaltet.

Hier ist mein Kommentar zum Artikel "Was ist neu am Web 2.0?" der Autoren Ulf von Rauchhaupt und Jochen Reinecke:
"Vielerorts" ist nirgendwo
Sie schreiben: "Vielerorts war zu erfahren, Blogger seien die neuen Journalisten. Was natürlich barer Unsinn ist: Die Stärken von Journalisten sind (oder sollten) zumindest ein breites Allgemeinwissen, professionelle Recherche, ein gewisses Arbeitsethos hinsichtlich der Trennung von privaten und öffentlichen Interessen und ein sicheres Beherrschen der Sprache sein."

Ich habe mich intensiv mit dem Thema Weblogs und Journalismus beschäftigt und konnte bislang dieses "vielerorts" überhaupt nicht ausmachen. Vielleicht können Sie im Sinne der von Ihnen geforderten journalistischen Professionalität Ihre Leser darüber aufklären, wo und in welcher Form behauptet wurde, dass Blogger die "neuen Journalisten" seien. Dann können sich die Leser selbst ein Urteil darüber bilden. Aber so - ganz ohne Beleg - wirkt Ihre Behauptung unglaubwürdig, als wäre sie eben nur mal schnell hingeschmiert worden. Das hat mit Journalismus nichts zu tun.
Ein "grenzdebiler Artikel" in der "FAS"?
So weit, so gut. Ich schaute dann ab und zu auf diesen Artikel, um zu sehen, ob weitere Leser kommentieren, was auch der Fall war. Auf einmal verschwand allerdings einer der Autorennamen (Ulf von Rauchhaupt) und der Artikel wurde in der Wissenschafts-Rubrik von FAZ.NET auch nicht mehr angekündigt. Es wurde nun bei einem neuen Artikel "Wie viel Weisheit steckt im Web 2.0?" um die Mithilfe der Leser gebeten; Autor Ulf von Rauchhaupt. Hatten sich derweil die beiden Autoren verkracht? Schließlich wurde der Artikel massiv kritisiert, unter anderem von dem darin als "Krawalltexter" titulierten Don Alphonso, der sich in seiner Replik vor allem dem Autor Jochen Reinecke widmete.

Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer, der den Artikel auch kritisiert hatte, fragte irritiert: "Ups? Was ist denn nun passiert? Herr von Rauchhaupt (...) ist nicht mehr Mit-Autor des Artikels." Von einem weiteren peinlichen Fehler, wie einem falschen Screenshot mal ganz abgesehen. Völlig unter die Räder kam der Artikel in der Heise-Kolumne "Was war. Was wird.", Hal Faber rotzte: "Ein grenzdebiler Artikel über Weblogs".

Falsch zitiert?
Herrje, was mag dabei wohl in der gedruckten Zeitung herauskommen. Immerhin drei Seiten Papier (S. 61-73) und eine reißerische Ankündigung auf der Titelseite: "Wahnsinn Internet. Was steckt im Web 2.0?". Zu Ulf von Rauchhaupt und Jochen Reinecke gesellt sich nun noch Jörg Albrecht als Autor.

Juhu, ich bin auch drin. Gleich auf der ersten Seite werde ich korrekt zitiert. Aber Moment mal, die Stelle auf die ich Bezug nehme wurde in der gedruckten Ausgabe geändert. Statt:
"Vielerorts war zu erfahren, Blogger seien die neuen Journalisten."
, heißt es nun:
"Vielerorts wurde schon die Frage gestellt, ob Blogger oder Wikipedia-Schreiber nicht die Journalisten der Zukunft seien."
Das ist doch was ganz anderes, diese Aussage habe ich doch nicht kommentiert.

Unter meinem gedruckten Zitat merkt die Redaktion an:
Fundstellen sind zum Beispiel www.oreillynet.com/digitalmedia/blog/2005/01/are_blogs_the_new_journalism.html
www.bloggenundwerben.de/?page_id=6
www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21567/1.html
www.nzz.ch/2006/09/15/em/articleEGRUX.html
Ja Herrgott, ich habe doch nicht bestritten, dass über das Thema diskutiert wird. Nun vier auf die Schnelle herbeigegooglete Sekundärquellen als Beleg anzuführen, ist wahrlich keine große Leistung. Beim Leser der gedruckten Zeitung entsteht ein falsches, verzerrtes Bild. Und ich stehe blöd da (ich kann es verkraften).

Entspricht das den im Artikel postulierten Qualitätsansprüchen an den Journalismus, von denen er sich gegenüber den Bloggern unterscheidet? Obendrein ist partizipativer Journalismus in dieser Form dann nur noch Kokolores, nicht nur für mich. Schade, so misslingt das Experiment.
Krusenstern (Gast) - 2007/01/29 11:35

Partizipativer Journalismus ist, wenn...

Partizipativer Journalismus bei der "FAZ am Sonntag" ist, wenn die Leser sich an einem Text beteiligen dürfen - und dabei doch ein Murx rauskommt, weil die Hauptautoren von ihren Thesen nicht lassen können.

Partizipativer Journalismus wäre es, wenn die "FAZ am Sonntag" den Text in einem Wiki ins Netz gestellt hätte und einmal zwei Wochen abgewartet hätten, was die Leser daraus machen. Jeder Beteiligte oder Interessierte hätte dabei mitverfolgen können, wie sich der Text verändert. Und ich wette eine gute Flasche Wein, dass der Text um Klassen besser geworden wäre, als die drei Seiten, welche in der FAS gedruckt wurden.

Jürg

stefanolix (Gast) - 2007/01/30 07:55

Wenn diese Journalisten wenigstens schreiben könnten! Spätestens bei der Neuschöpfung »bottom down« konnte ich die Zeitung vor Lachen nicht mehr festhalten.
Chat Atkins (Gast) - 2007/01/31 12:43

"Das merkt doch keiner" hieß dieses Redigierverfahren im Journalismus 1.0, die Texte wie die Unterhosen hatten einen «Eingriff»: Man zitierte sich also selber, aber in der Tendenz stark retuschiert. Heute merkt das ein eder, weil das Web 2.0 ein untrügliches Gedächtnis hat, und deswegen finden die Journalisten 1.0 die Blogger auch total doof.

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