Mittwoch, 7. Januar 2009

Vergessen Sie die Medienkrise, Suite101 hat gute Nachrichten für Sie!

Journalisten aufgehorcht: "Berlin, den 7. Januar 2009. Auch in Zeiten der Medienkrise gibt es noch gute Nachrichten." Man möge mich einen notorischen Miesepeter zeihen, wenn ich sage, dass ich diesen Einstieg für misslungen halte. Aber es soll hier nicht um Geschmäcklerisches gehen.

Es handelt sich um eine Pressemitteilung von Suite101 (Zu den Anteilseignern von Suite101 gehören der deutsche Unternehmer Dr. Boris Wertz (u.a. Abebooks, Nexopia) und Burda Digital Ventures) und dort gibt es folgende "gute Nachrichten":
"Die deutsche Version des Online-Magazins Suite101 hat innerhalb des letzten halben Jahres ihre Reichweite annähernd verfünffacht. Im Dezember 2008 erreichte Suite101.de erstmals über eine Million Leser. 1,04 Millionen 'Unique Visitors' besuchten die Webseiten des erst im Februar gestarteten Magazins."
Wo oder wie diese 'Unique Visitors' validiert werden, wird leider nicht verraten, bei der AGOF findet sich Suite101 nicht.*

Keinerlei negative Auswirkungen durch die Medienkrise, ganz im Gegenteil ...
Egal. Glauben wir mal diese Zahlen. Ich will nicht unken, denn: "Entgegen mancher Unkenrufe zum Start befinde sich Suite101 schon jetzt auf bestem Wege, zum größten unabhängigen General-Interest-Online-Magazin im deutschen Sprachraum zu werden", heißt es weiter. Und - jetzt kommt's - es gibt noch mehr gute Nachrichten:
"Die vielfach beklagte Medienkrise habe für Suite101 keinerlei negative Auswirkungen – ganz im Gegenteil, sagt Westphal [Dirk Westphal, Chefredakteur von Suite101, T.M.]: 'Es wird zunehmend deutlich, dass gerade für freie Autoren und Journalisten das Internet eine große Chance ist, die man nicht verpassen darf.'"
Beim Besuch der Website von Suite101 findet sich gleich noch mal eine gute Nachricht unter der holprigen Überschrift: "Job als Journalist bei Suite101" - freilich handelt es sich dabei nur um einen "idealen Job den Sie nebenbei machen können" oder "eine perfekte Ergänzung zu anderen journalistischen Jobs."

Die große Chance auf 88 Cent im Monat
Wie die "große Chance im Internet" mitunter in der Realität aussehen kann, beschrieb der Freien-Referent des Deutschen Journalisten-Verbands, Michael Hirschler, im Frühjahr 2008 in seinem Blog: "Auf rund 88 Cent Einnahmen monatlich kommt ein freier Journalist monatlich bei der Online-Plattform suite101, obwohl er Dutzende von journalistisch erstklassigen Beiträgen in den Onlinedienst eingestellt hat." Wochen später nahm ich an einem Gespräch mit Chefredakteur Westphal teil, Ergebnis: "Westphal betonte auch, dass es Suite101.de nie darum gegangen sei, den Mitarbeitern Einkünfte zu vermitteln, die an die Standards hauptberuflicher Bezahlung heranreichten."

Die Pressemitteilung suggeriert aber eben diesen Eindruck, ich halte dieses Gebaren für unseriös. Aufbau und Sprache der restlichen Pressemitteilung erinnern mich übrigens an ähnlich übergeigte Phrasen in fiktiven PR-Meldungen aus Don Alphonsos Dotcomtod-Roman "Liquide", aber das muss wirklich ein Versehen sein, hier bewege ich mich schon wieder allzu sehr ins Geschmäcklerische hinein.

* Nachtrag 09.01.09
Aus den FAQs von Suite101:
"Warum weist Suite101 keine IVW- oder AGOF-Zahlen aus?
Diese Statistikdienste messen die Reichweite von Werbeträgern. Da Suite101 bislang klassische Bannerwerbung nur sehr geringem Umfang zulässt, ergibt eine IVW- oder AGOF-Messung für uns derzeit keinen Sinn. Besucherzahlen, die Suite101 veröffentlicht, beruhen auf dem allgemein anerkannten Statistikdienst Google Analytics."

Samstag, 3. Januar 2009

"Glokal-Journalismus" konkret

Redakteure aus Indien berichten über Gemeinderatssitzungen in Kalifornien. Dieser - schon zwei Jahre alte - Aufreger ist symptomatisch für die US-Zeitungskrise. Nachdem Mitte Dezember Meedia-Herausgeber Dirk Manthey etwas unkonkret über das "Offshore Reporting" beim amerikanischen Online-Magazin Pasadena Now berichtete, legt Focus Online jetzt mit einem Korrespondentenbericht von Susann Remke nach und zeigt, wie diese Berichterstattung im Alltag aussieht (kleiner Fehler dort: fälschlicherweise ist von den Pasadena News statt von Pasadena Now die Rede).

Ein "Glokal-Reporter" (eine Wortschöpfung des Pasadena Now-Verlegers James MacPherson, zusammengesetzt aus global und lokal) kostet demnach 1000 Dollar im Monat, 3000 Dollar weniger als sein US-Kollege. MacPherson entließ sieben seiner Lokal-Reporter in Pasadena und ersetzte sie durch sieben Glokal-Reporter in Indien. Diese besuchen beispielsweise Gemeinderatssitzung per Live-Übertragung im Internet oder führen Interviews per E-Mail. Freilich passieren auch Pannen, wie Remke berichtet.

Für die Nachrichtenagentur Reuters, die bereits 2004 mit dem Offshore Reporting begann, sollen bereits 1500 Wirtschaftsredakteure über das Börsengeschehen an der New Yorker Wall Street berichten. Doch nicht nur Journalistenjobs sind betroffen: "Der Columbus Dispatch (US-Bundesstaat Ohio) hat unlängst 90 Jobs in der Anzeigengrafik nach Prune, Indien verlegt", heißt es in dem Focus Online-Artikel weiter. Schließlich erwähnt die Autorin noch einen mißlungenen Selbstversuch, eines Lokalredakteurs der "Washington Post", der über eine Verwaltungsratssitzung in einem indischen Bundesstaat berichtete und seinen Beitrag dortigen Zeitungen anbot.

2006 blamierte sich übrigens der Süddeutsche Verlag mit einer geplanten Auslagerung von Sueddeutsche.de nach Prag. In der heutigen "Süddeutschen Zeitung" heißt es in einem Artikel über die "Zeitungskrise": "2008 war in den USA das Jahr der Entlassungen. Mehr als 15 000 waren es bei den Tageszeitungen, wie der Blog paper cuts errechnet hat. Wird 2009 das Jahr der Konkurse?" Der Artikel "Würde Watergate heute noch aufgeklärt?" von Thomas Schuler ist online bei Jetzt.de abrufbar.


Nachtrag 06.01.09

Michael Gisiger reklamiert bei Medienrauschen: "Ich finde es irgendwie faszinierend, wie in den letzten Tagen plötzlich das Beispiel “Pasadena Now” aus der Mottenkiste geholt wurde und wird. Über die in Indien verfassten Lokalnews für Amerika habe ich bereits am 12.05.2007 - also vor fast 2 Jahren - in der Readers Edition etwas geschrieben".

Nachtrag 07.01.09
Grrr (wenn so eine Emotion mal erlaubt sei), und im "Spiegel" war die Geschichte - zumindest als Anreißer für einen Text über die US-Zeitungskrise - schon vor Weihnachten ("Es geht ums Überleben").

Freitag, 2. Januar 2009

Problematisch? Bloggende Politiker auf journalistischen Websites

Am 27.18. Januar wird in Hessen gewählt. Der Hessische Rundfunk meldet heute, dass am 5. Januar sein "umfangreiches hr-online-Wahlangebot" unter wahl.hr-online.de starten wird. Als Besonderheit wird unter anderem erwähnt, dass Politiker ein Wahlkampf-Blog bei HR Online führen.

Und so wird es angepriesen:
"Den Wahlkampf aus Sicht derer erleben, die ihn führen: neue Perspektiven ermöglicht jetzt ein Blog, mit dem hr-online vom 5. Januar an die heiße Phase des hessischen Wahlkampfs begleitet. Fünf Politiker der im Landtag vertretenen Parteien führen gemeinsam und abwechselnd Tagebuch im Netz, über Persönliches und Politisches, über Termindruck und Standdienste, über Ärger mit Plakaten und die Freude am Diskutieren. Sie schreiben als Beteiligte und als Betroffene. Begleitet von den Kommentaren der Blog-Leser reflektieren sie die Ausnahmesituation eines kurzen, gedrängten Wahlkampfs kurz nach dem Jahreswechsel."
Solche Wahlkampf- oder Politiker-Blogs sind freilich nichts Neues. Bei Focus Online beispielsweise bloggen seit über drei Jahren Oswald Metzger, der mittlerweile für die CDU, oder die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin. Diese Politiker-Blogs sind mittlerweile nur noch im Hinterzimmer angesiedelt (über die Navigation habe ich sie nicht gefunden), als wäre diese Polit-PR mehr oder weniger peinlich.

Das neue Blog-Angebot des Hessischen Rundfunks halte ich ebenso für unangebracht: Es kann nicht Aufgabe einer journalistischen, zumal einer öffentlich-rechtlichen Seite sein, auf diese Art und Weise den politischen Diskurs in Gang zu bringen. Eine Frage die sich in diesem Superwahljahr öfters stellen wird. Klar will man nur so gut wie möglich informieren und zur Meinungsbildung beitragen, aber dass man sich dermaßen in die Nähe der handelnden Akteure begibt und ihnen so einen prominenten Raum zur Eigen-PR einräumt, kann doch wirklich nicht Sinn der Sache sein.

Nachtrag
Ein ähnliches Projekt bietet PHOENIX mit dem "MDB 2.0 das Bundestags-Tagebuch":
"Es liegt nahe, dass PHOENIX sich auch an neuen Formen der Berichterstattung über das Parlament und der medialen Kommunikationsvermittlung zwischen Bürger und Abgeordneten beteiligt."

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Online-Zuständigkeit des Deutschen Presserats ab 1.1.2009

Ab dem 1.1.2009 ist der Deutsche Presserat auch für journalistisch-redaktionelle Beiträge im Internet, sofern es sich dabei nicht um Rundfunk handelt, zuständig. Beschwerden können jetzt auch per E-Mal oder ein Beschwerdeformular eingereicht werden (bei Online-Beschwerden muss ein Screenshot beigelegt werden). Auf der komplett überarbeiteten Website des Presserats (jetzt unter einer info-Domain: www.presserat.info) dominieren zwar noch Abbildungen von Druckwerken, doch es wird für die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse wohl viel Arbeit im Online-Bereich zukommen. Allein, wenn man an die oftmals doch recht legere oder überhaupt nicht vorhandene Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten denkt. Interessant wird es auch sein, welche Wirksamkeit der Presserat in Zukunft entfalten kann.

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Neues "Spiegel"-Watchblog

Mit dem Spiegelblog (Originalschreibweise: SPIEGELblog, Untertitel: "Kritische Analysen über ein deutsches Nachrichtenmagazin") startete nun neben der seit zweieinhalb Jahren existierenden Spiegelkritik (Originalschreibweise SpiegelKritik) ein zweiter Watchdog des Hamburger Nachrichtenmagazins. Der Spiegelblog wird von dem Hamburger Journalisten Torsten Engelbrecht betrieben.

"Ein Schwerpunkt der Kritik und der Analysen von SPIEGELblog liegen auf dem Wissenschaftsteil. Denn der Wissenschaftsteil ist in gewisser Weise Ausdruck für die Recherchestärke eines Mediums", beschreibt Engelbrecht sein Blog. Sein Ziel sei es unter anderem "die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, selbst Leitmedien wie dem SPIEGEL nicht blindlings Glauben zu schenken. In der Tat vertrauen selbst viele Journalisten von anderen Medien und Wissenschaftler auf das, was im SPIEGEL geschrieben steht".

Wissenschaftliches zu Watchblogs
In der aktuellen Ausgabe von Björn Brückerhoffs "Neuer Gegenwart" gibt es übrigens einen interessanten Aufsatz von Tobias Eberwein zum " Zum medienkritischen Potenzial der Blogosphäre" mit dem Titel: "Raus aus der Selbstbeobachtungsfalle!". In der Zeitschrift "Media Perspektiven" 11/2008 publizieren die Autoren Florian L. Mayer, Gabriele Mehling, Johannes Raabe, Jan Schmidt und Kristina Wied die "Befunde einer Onlinebefragung zur Nutzung und Bewertung von Bildblog": "Watchblogs aus der Sicht der Nutzer" (PDF, 6 S., 1,39 MB).

Update 22.12.2008 Zweifel über die Integrität des "Spiegel"-Watchbloggers Torsten Engelbrecht
Mario Sixtus weist in einem Twitter-Beitrag auf einen Artikel bei Esowatch über Torsten Engelbrecht hin. Das Spiegelblog und die darin behandelten Themen sind also mit Vorsicht zu genießen.

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Wo geht’s lang im Online-Journalismus?...
Dieses Blog ruht. Etwas. Natürlich biete ich Ihnen...
Netzjournalist - 2026/03/07 06:32
ich
Das Blog Thomas Mrazek ist der +++ netzjournalist...
Netzjournalist - 2026/01/21 18:10
Quellen finden ist nicht...
Es wird mit der Zeit immer schwieriger, gute Nachschlagewerke...
i-favoriten - 2018/08/18 06:11
Hardy Prothmann entschuldigt...
Hardy Prothmann entschuldigt sich https://www.facebook. com/hardy.prothmann/posts/ 10152634060500489 Ein...
Sven Temel (Gast) - 2014/08/21 08:11
Wow
Ich habe dieses Werk erst kürzlich entdeckt und war...
Leser (Gast) - 2013/09/04 20:59

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Online seit 7782 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2026/03/11 07:32

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