Online-Journalismus – Handwerk ohne Boden?

20. Mai

Referent: Helmut Grüninger


""New York Times" will Geld für Artikel nehmen", lautet die Überschrift eines kürzlich bei Spiegel Online publizierten Artikels. Wenn man die Dachzeile ("Online-Publishing") weglässt, klingt die Hauptzeile fast wie eine Anklage: Frechheit, die wollen jetzt Geld haben für ihre journalistischen Leistungen! Die Amerikaner setzen nun verstärkt auf die Karte "Paid Content". Irgendwie muss sich der Online-Journalismus eben finanzieren.

Mit diesem Thema beschäftigen wir uns am kommenden Donnerstag am IfKW.
  • Wie hat man sich das überhaupt zu den Anfängen des kommerziellen Publizierens im Internet gedacht?
  • Lassen sich journalistische Internet-Angebote durch Werbebanner finanzieren (da kursieren ja immer wieder erfolgsversprechende Nachrichten: "Online-Werbung verdreifacht sich" (<e>MARKET im Februar 2005) oder "Online-Anteil in Werbebudgets steigt" (<e>MARKET im Februar 2005))?
  • Wie sieht es mit dem so genannten E-Paper aus (ist es eine ermutigende Zahl, wenn die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich meldet, dass sie mit 3608 verkaufter Auflage ihres E-Papers "Marktführer" in Deutschland ist)?
  • Erscheint es sinnvoll, einen Großteil des redaktionellen Angebots einer Regionalzeitung wie etwa dem "Mannheimer Morgen" kostenpflichtig zu machen?
  • Können Zeitungen verlorenen Boden auf dem Anzeigenmarkt im Internet gut machen (siehe hierzu mein Artikel "Tageszeitungen: Verlierer im Netz")?
  • Was ist vom Zauberwort Crossmedia zu halten? Können alle Marktteilnehmer davon profitieren?
  • Inwiefern betrifft dieses Thema überhaupt das journalistische Arbeiten im Internet?
Nachtrag (wäre fast schon wieder ein Beitrag für das noch zu erstellende "Lehrbuch" ...)

Finanzjournalist Andreas Kunze beschreibt in seinem Weblog (erster Lehrbuch-Eintrag: Lesen von Weblogs kann mitunter für Journalisten sehr lehrreich sein!) wie man die Paid Content-Schranke bei sueddeutsche.de in manchen Fällen umgehen kann (alles legal selbstverständlich). Und zugleich sagt er auch, was er von gewissen Versuchen, mit journalistischen Inhalten Geld zu verdienen, hält: "Unfug". Aber lest am besten selber nach.

Exkurs: Empfohlene Textlängen
Und noch ein Nachtrag zu unserer letzten Sitzung ("Online-journalistisches Handwerk" ), da wurde unter anderem darüber diskutiert, wie lang denn Artikel online sein sollen. Wenn Ihr obigen Blog-Eintrag gelesen habt, findet ihr einen kostenlos erhältlichen Artikel aus sueddeutsche.de. Beim Online-Lesen werdet Ihr zu drei Klicks gezwungen (außer Ihr wählt die Druckversion). Der Artikel ist übrigens knapp 8000 Zeichen lang (das sind zirka zwei Zeitschriften-Seiten).

Ich habe Euch empfohlen, bei Textlängen und Gestaltung sich einfach an Medien zu orientieren, die für Euch eine gewisse Qualität haben. Für mich ist dies – wenngleich auch mit gewissen Einschränkungen – Spiegel Online. In der Juni-Ausgabe von "V.i.S.d.P." (Kurzbesprechung dieser Zeitschrift von mir) äußert sich Spiegel Online-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron auch zu diesem Thema: ""Gute lange Geschichten werden schon gelesen", sagt Blumencron. Intern hat SPIEGEL ONLINE eine Obergrenze von 9.000 Zeichen, normal sind 5.000 Zeichen. Ein Geschichte aus dem gedruckten SPIEGEL oder vom Kooperationspartner GEO wird aber nicht gekürzt, sondern in mehrere Teile geschnitten. "Wenn 50 bis 60 Prozent der Leser den letzten Teil lesen, ist das ein sehr Ergebnis – im Übrigen aber auch nicht anders als bei langen Artikeln in der Tageszeitung", sagt Blumencron.

"Die Nutzer lesen im Nachrichtenbereich kurze Artikel", sagt Michael Maier von der NETZEITUNG. "Wenn es aber um die Vertiefung geht – um Zeitgeschichte oder Wissenschaft beispielsweis –, aber auch elendslange Stück."

Auch Kirsten Haake von FTD.DE sagt: "Mit der Textlänge hat das Leserinteresse nur sehr begrenzt zu tun." FTD.DE-Nutzer läsen gleichermaßen aktuelle Nachrichtentexte und Hintergrundberichte. Entscheidend seien gute Schlagzeilen und Vorspänne.

Auf RTL.DE allerdings bevorzugen die Nutzer kürzere Artikel, die meist mit Fotos, Videos oder Applikationen angereichert sind, sagt Patrick Zeilhofer, Leiter von RTL interactive. ZEIT.DE hingegen – wen wundert's! – steht nicht für kurze Notizen, sagt Online-Redaktionsleiterin Melanie Ruprecht. "Unsere Nutzer bevorzugen eine gute Mischung aus längeren und kürzeren Artikel."" (Alles wie gesagt in "V.i.S.d.P., Ausgabe 6/2005, Seite 35)

Literatur:

Bauer, Christoph: Geschäftsmodell Zeitung auf dem Prüfstand. Das Internetzeitalter verändert die Rahmenbedingungen. In: Neue Zürcher Zeitung, 23.04.2004, S. ?. Im Internet abrufbar. URL: http://www.nzz.ch/2004/04/23/em/page-article9CQCJ.html.

Eck, Klaus: Wall Street Journal findet zu wenig Aufmerksamkeit bei Bloggern. URL: http://klauseck.typepad.com/prblogger/2005/05/wall_street_jou.html Aus: PR Blogger. URL der Startseite: http://www.pr-blogger.de Stand: 17.05.2005.

Fehr, Hannes: Paid Content erfolgreich verkaufen. Hamburg, Berlin 2003.

Fehr, Hannes: Paid Content erfolgreich verkaufen. URL: http://www.emar.de/emar/insider/themen/20381/index.html Aus: <e>MARKET. URL der Startseite: http://www.emar.de Stand 23.03.2004.

Glotz, Peter / Meyer-Lucht, Robin (Hg.): Online gegen Print. Zeitung und Zeitschrift im Wandel. Konstanz, 2004.

I-D Media AG (Hrsg.): Viewpoint: Paid Content Modell der Zukunft. Aus: I-D Media AG. URL: http://www.i-dmedia.com/idm/download/news_studien/media_vp_pcon.pdf URL der Startseite: http://ww.i-dmedia.com Stand 18.05.2004.

Meyer-Lucht, Robin: E-Paper - Abschied aus der Internet-Öffentlichkeit. Aus: perlentaucher.de. URL: http://www.perlentaucher.de/artikel/1497.html URL der Startseite: http://www.perlentaucher.de Stand: 21.06.2004.

Mrazek, Thomas: Die Online-Men bitten zur Kasse. In: journalist 7/2002, S. 50-51. Abrufbar im Internet. URL: http://www.onlinejournalismus.de/webwatch/onlinemen.php.

Mrazek, Thomas: Keine digitale Goldgrube. Gedämpfter Optimismus beim e-paper-Kongress. In: BJV-report 6/2003, S. 24-25 Abrufbar im Internet. URL: http://www.onlinejournalismus.de/webwatch/epaper.php.

Mrazek, Thomas: Tageszeitungen: Verlierer im Netz. In: journalist 6/2004, S. ?. Abrufbar im Internet. URL: http://www.onlinejournalismus.de/webwatch/verliererimnetz.php.

ohne Autor: Ein Euro pro Nachricht. Was Bezahlinhalte im Web kosten dürfen. In: Menschen machen Medien, Nr. 9/2003, S. ?. Im Internet abrufbar. URL: http://www.verdi.de/0x0ac80f2b_0x0017da10.

Prothmann, Hardy: Wende im Web. Interview mit Mathias Müller von Blumencron, Spiegel Online. In: MediumMagazin 7/2004, S. 20-23.

Prothmann, Hardy: Crossmedia-Labor. In: MediumMagazin 7/2004, S. 24-26.

Pürer, Heinz: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Konstanz 2003. Hier Kapitel 4.3.5.3 Die "neuen Medien" in Deutschland, S. 266-274.

Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) (Hrsg.): Paid Content - Der Markt für Online Inhalte. Berlin 2003.

Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) (Hrsg.): Online Werbung - Fakten und Perspektiven. Berlin 2002. Im Internet abrufbar. URL: http://www.vdz.de/owfb/index.html.

Links:

Paid Content als Teilbereich des E-Commerce
Das Electronic Commerce Center Handel (ECC Handel) ist eine Forschungsinitiative des Instituts für Handelsforschung (IfH) an der Universität Köln. Die Website bietet u.a. in kompakter Form grundlegende Informationen zum Thema Paid Content.
www.ecc-handel.de/branchen_prob/1074781498

paidContent.org
Medienübergreifend beschäftigt sich diese Seite mit dem Thema Paid Content. Dieses Blog selbst ist wiederum selbst schon ein Thema (siehe Netzeitung vom 23.06.2003: "Der Ein-Mann-Blogger-Journalist")
www.paidcontent.org

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